(Aus: Schulze, Wolfgang: "Ethnische Vielfalt - Wahrnehmung und Fakten." In: Marie-Carin von Gumppenberg und Udo Steinbach (Hrsg.). Der Kaukasus. Geschichte, Kultur, Politik, 175-191. München: Beck. [Zweite Auflage 2010:181-197].)

Die beiden am stärksten im Bewusstsein der jeweiligen Bevölkerung verankerten «ethnischen Areale» sind die der heutigen Republiken Armenien und Georgien. In beiden ist schon frühzeitig (nach der Christianisierung im 4.Jh.) eine Tendenz zur «Verstaatlichung» der kollektiven Identität eingetreten, die seit der späten Aufklärung auch Bezug auf die sprachliche Ebene nahm. Die Zugehörigkeit zum jeweiligen Herrschaftsraum wurde auch über Aspekte des «Gemeinsamen» definiert (Religion, Sprache). Damit wurden gleichzeitig lokale Identitätsfaktoren stärker zurückgedrängt bzw. marginalisiert: Sie bewahrten sich vor allem in den nordwestlichen Bergregionen Swanetiens (Swanen), in den nordöstlichen georgischen Bergregionen des Großen Kaukasus und unter weitaus schwierigeren Bedingungen in den ehemaligen Expansionsgebieten des frühchristlichen Georgien (Kartli), vor allem in Mingrelien (Kolchis) und Abchasien.

Das sprachliche Moment bekam auch deshalb eine höhere Bedeutung, weil das Georgische schon früh als religiöse Sprache etabliert wurde und sich so zu einem Signum der Zugehörigkeit zum christlichen Traditionskomplex im nicht-armenischen Südkaukasus ausprägte. In Abgrenzung zu Armenien kam dabei die dyophysitische Ausrichtung der georgischen Orthodoxie zum Tragen. Die Festlegung auf das Georgische als Kirchensprache bedeutete, dass den Regionalsprachen (besonders Mingrelisch und Abchasisch) diese Funktion der Identitätsstiftung verwehrt war. Die schon so früh stabilisierte georgische Majorität wurde im Zuge der Nationalisierung des Ethnischen weiter ausgebaut: Die sprachlichen Minderheiten der Swanen und Mingrelier wurden vom Zentrum als der georgischen Ethnie zugehörig definiert, während das abchasische Areal als eigentliches, d. h. historisches georgisches Terrain deklariert wurde. Gleiches gilt für den Bereich Süd-Ossetiens, dessen ebenfalls größtenteils christliche Bewohner als spätmittelalterliche Migranten gelten.

Sicherlich kann die georgische Ethnizität als eines der stabilsten sozialen Identifikationsmuster im Gesamtkaukasus bezeichnet werden. Zugrunde liegt neben dem Aspekt «Sprache» vor allem ein kollektiver Bezug auf historische Momente, etwa auf das «Goldene Zeitalter» Georgiens (Königin Tamar, II60-I2I3), wobei der damalige staatliche Organisationsrahmen und die kulturelle Blüte als Ideale einer georgischen Lebensform gesehen werden. 

Zusätzlich stabilisiert wird die georgische Ethnizität besonders durch eine Reihe kanonisierter Verhaltensmuster, wozu besonders hochgradig ritualisierte Formen der Gruppenkommunikation (Tisch-Rituale, Tamada­ Prinzip) zählen. Wie oben gesagt, haben sich partikulare ethnische Traditionen in Georgien besonders in dessen nordöstlichen und nordwestlichen Bergregionen bewahrt. Gerade die Pschawen und Chewsuren im Nordosten gelten aber aufgrund ihrer nur oberflächlich von christlichen Traditionen durchdrungenen Kulturtechniken als deutlich abgegrenzte «Ethnien», obwohl beide Varietäten des Georgischen sprechen.

Statistisch werden für Georgien in der Regel die folgenden Gruppen erfasst (2002): Georgier 83,8%, Armenier 5,7%, Aserbaidschaner 6,5%, Russen 1,5%, Osseten 0,9%, Abchasen 0,1% und 1,5% «Andere». Dabei werden unter «Georgiern» eigentliche Georgier (knapp 4 Mio.), Mingrelier (etwa 500000), Lasen (im südwest-georgischen Adscharien maximal 10000 Angehörige) und Swanen (rund 30000) verstanden.

Hinzu tritt eine Reihe von ethnischen Gruppen, die in sprachlicher Hinsicht nicht den südkaukasischen (kartwelischen) Sprachen angehören. In historischer Hinsicht höchst bedeutsam ist dabei die armenische Minderheit in Zentral- und Süd-georgien.

Die Nationalisierung des westlichen Südkaukasus im Sinne eines georgischen Areals hat seinen Ausdruck auch gefunden in der ethnischen Komposition in Adscharien, dem südwestlichsten, an die Türkei grenzenden Teil der Republik Georgien: Diese Region, in kultureller Hinsicht ein Übergangsgebiet, ist gekennzeichnet durch ein türkisches Segment, das sich in vorsowjetischer Zeit am stärksten in der Ethnie der Mes'cheten ausdrückt.

Zu erwähnen sind schließlich noch die Urumer, eine ehemals griechische, jetzt türkischsprachige (de facto Krimtatarisch sprechende) Minderheit in Adscharien und Abchasien, die sich stark an ihren griechischen Traditionen orientiert (sog. Graeco-Tataren, max. 10000), die eigentlichen Pontos-Griechen (teilweise nach Griechenland abgewandert, angeblich noch 150 000 Angehörige in Georgien) sowie die jetzt noch vielleicht 8000 Yazidi-Kurden in Zentral-Georgien (hohe Migrationsrate). Die mingrelische Ethnizität beruht analog zur georgischen unter anderem auf der Tradierung eines durch feudale Strukturen entstandenen Regionalbewusstseins (Dadiani-Geschlecht).

Eine derartige, auf der kollektiven Bezugnahme auf ehemalige Herrschaftsstrukturen beruhende Innensicht findet sich darüber hinaus besonders in Abchasien. Diese zunächst weit über das heutige Abchasien hinausreichende Region war bis 978 ein eigenständiger Herrschaftsbereich, der dann infolge einer dynastischen Sukzession mit dem Königreich von Kartli vereinigt wurde. Die Marginalisierung der Westgebiete nach der Mongolenherrschaft führte erneut zu einer Autonomie des Areals (Herrschaft der Schirwaschidze/Tschatschba), wodurch sich die abchasischen ethnischen Traditionen stabilisieren konnten. Nach dem Anschluss Abchasiens an die Georgische Sozialistische Sowjetrepublik 1937 wurden diese Traditionen mehr und mehr in Frage gestellt, wodurch als Gegenbewegung eine Nationalisierung eben der abchasischen Ethnizität ausgelost wurde. 2007 stellt die abchasische Ethnie mit rund 125 000 Menschen 45 % der Bevölkerung Abchasiens, neben 60000 (18,2%) Armeniern, 40000 (12,9%) Georgiern, 22000 Russen und anderen Gruppen. Diese Zahlen wurden allerdings erst nach der Vertreibung von rund 250000 Georgiern aus Abchasien erreicht.

Der letzte zu erwähnende großflächige Identitätsraum in Georgien betrifft Süd-Ossetien. Die süd-ossetische Bevölkerung (rund 75000) teilt sich mit dem Großteil der ossetischen Bevölkerung Nord-Ossetiens (rund 450000 Menschen, 62,7% der Bewohner der Republik) nicht nur die Sprache (ironische Varietät des Ossetischen), sondern auch die gemeinsame (christliche) Religion, allerdings sind die nord-ossetischen Ironen zumeist russisch-orthodox, während sich die Süd-Osseten der autokephalen georgischen Orthodoxie zurechnen. Die Tatsache, dass die in den Westgebieten Nord-Ossetiens lebenden, den digorischen Dialekt sprechenden Osseten sich zum Islam bekennen, hat allerdings innerhalb Ossetiens zu einer ethnischen Fraktionierung geführt, die durch den Konflikt zwischen Ossetien und Inguschetien an Dynamik gewonnen hat.