(Aus: Reisner, Oliver: “Georgien- Transitland im Süden“, in: Marie-Carin von Gumppenberg – Udo Steinbach (Hrsg.): Der Kaukasus. Geschichte – Kultur – Politik (= Becksche Reihe). München: Beck, 2008, pp. 192-201 [überarbeitet in: 2., neubearbeitete Auflage, 2010, pp. 32-47], S. 36 ff)

- Staatsbildung

Archäologische Funde belegen, dass der Kaukasus seit 1,8 Mio. Jahren den Menschen als Durch- und Rückzugsgebiet diente. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich verschiedenste Völkerschaften mit alteingesessenen Gruppen vermischt und eine äußerst selten anzutreffende vielgestaltige kulturräumliche Struktur ausgebildet, deren Reduktion auf ethnische Nationalismen und Nationalgeschichten mehr verdeckt als erhellt. 

Erste Staatsbildungen, die mit den frühen Hochkulturen Anatoliens und des Zweistromlandes in Kontakt standen, sind seit dem 4.Jh. v.Chr. belegt. Aus dem mediterranen Kulturkreis verbreiteten in der Antike griechische Händler ihre Mythologie und ab dem 4.Jh. n. Chr. syrische Mönche das Christentum entlang jüdischer Gemeinden. 

- Mittelalter

Von Süden her drangen vom 8. bis zum 10. Jh, die Araber vor und verbreiteten den Islam. Im «Goldenen Zeitalter» (11. bis 13.Jh.), als die umliegenden Reiche geschwächt waren und sich die Dynastie der Bagratiden in der georgischen Feudalgesellschaft durchsetzen konnte, erreichten die Herrscher von: König David dem Erbauer bis zur legendären Königin Tamar eine einzigartige Blüte von Staat und Kultur. In dieser Zeit ist auch erstmals der Begriff «Georgier» (sakartvelo) als Landesbezeichnung in den Quellen belegt. 

- Spätmittelalter und Neuzeit

Im 14.Jh. zerfiel das Land mit dem Einfall von Tamerlans Mongolen in mehrere Kleinstaaten. Vom 15. bis zum 18.Jh. kämpften Osmanen und Perser um die Vorherrschaft im Kaukasus. 

Im 18.Jh. drang das Zarenreich in den Kaukasus vor, annektierte Ostgeorgien und setzte die Dynastie der Bagratiden ab. Unter dem Einfluss des Zaren  wurde die georgische Adelselite in den Reichsadel integriert und eine territorialstaatliche Behördenverwaltung eingeführt. 

Aus dem verarmten Adel ging seit der Mitte des 19.Jh. eine georgische, in Petersburg europäisch gebildete Intelligenz hervor, die unter Leitung des Publizisten Ilia Tschawtschawadse nach innerer Selbstbestimmung, Reform der traditionalen Gesellschaft und «nationaler Wiedergeburt» strebte. Ihre „Europäisierung“ wurde zum Geburtshelfer des modernen georgischen Nationalbewusstseins, die gleichzeitig Nationalitätenkonflikte unter den Kaukasusvölkern verursachte. Zu Beginn des 20.Jh. wurde die von gebildeten Adeligen geführte Nationalbewegung von einer Agrarbewegung georgischer Menschewiki herausgefordert, die sich den Bauern zuwandten und ihre Methoden des Arbeitskampfs in die Dörfer trugen. Joseph Dschughaschwili alias Stalin begann deshalb als Bolschewik seine Parteikarriere nicht in seiner Heimat, sondern in der Wirtschaftsmetropole Baku. 

Auf das Ende des Zarenreichs folgte vom Mai 1918 bis zum Februar 1921 das kurze Intermezzo der Demokratischen Republik Georgien, die über die Verabschiedung einer Verfassung hinaus die Staatsbildung nicht wesentlich beeinflusste. Die Rote Armee der Bolschewiki beendete das Experiment der ersten «sozialdemokratischen Bauernrepublik» (Karl Kautsky) und zwang Georgien in die Transkaukasische Föderative Sowjetrepublik. 1929 kollektivierte das Sowjetregime das «Bauernland» und leitete eine Industrialisierung ein.

Der georgische Parteichef Lavrenti Berija stieg 1935 zum Volkskommissar für innere Angelegenheiten und Geheimdienstchef der Sowjetunion auf. In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre war er für den «Großen Terror» mitverantwortlich, der die alte Intelligenz, «bürgerliche Spezialisten» und viele andere Unschuldige vernichtete und sie durch parteitreue Aufsteiger ersetzte. 

Nach Hitlers Überfall 1941 auf die Sowjetunion drang die Wehrmacht bis an den Elbrus im hohen Kaukasus vor. Georgien entsandte 750.000 von 3,5 Mio. Einwohnern in den Krieg. Mehr als 300.000 Menschen kehrten nicht wieder von der Front zurück. Die Wirtschaft Georgiens schrumpfte kriegsbedingt um 20%. Erst I947 wurde der Industrieausstoß der Vorkriegszeit wieder erreicht, zu dem auch deutsche Kriegsgefangene mit ihrer Arbeitskraft eingesetzt wurden.

Mit Stalins Tod I953 verschärften sich die Strukturprobleme in der georgischen Gesellschaft, und nach Chruschtschows Geheim­ rede kam es im März I956 zu ersten Massenprotesten gegen die vermeintliche Verunglimpfung Stalins. Mit der ethnischen Konsolidierung der Titularnation ging eine schleichende Verselbständigung gegenüber dem Zentrum einher, welche gleichzeitig den Assimilationsdruck auf Nicht-Georgier erhöhte. Georgier dominierten das politische und kulturelle Leben der Sowjetrepublik; die jeweiligen Titularnationen in der Autonomen Sowjetrepublik Abchasien und dem Autonomen Gebiet Süd-Ossetien waren mit wesentlich weniger Kompetenzen und Ressourcen ausgestattet. Eine Nomenklatura in Partei- und Staatsapparat verwaltete das Land wie eigene Pfründe.

1971 berief der Kreml den georgischen Innenminister Eduard Schewardnadse zum neuen Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei Georgiens, um mit überbordender Korruption, Vettern- und Schattenwirtschaft aufzuräumen und um die Kontrolle Moskaus wiederherzustellen. Seit dem Ende der I970er Jahre wuchs jedoch in der Bevölkerung der Unmut über die Verschlechterung der wirtschaftlichen und sozialen Lage und ließ zunehmend die «sozialistischen Inhalte» hinter die «nationale Form» zurücktreten. Mit der sowjetischen Hierarchisierung ethnisch-territorial gefasster Einheiten richtete sich die Unzufriedenheit der untergeordneten gegen die jeweils übergeordnete ethnische Gruppe. Dies bildete die Grundlage des «Matrjoschka-Nationalismus, der eine Ethnisierung politischer Konflikte entlang der von der Sowjetmacht gezogenen internen Verwaltungsgrenzen vorprogrammierte. I978 protestierten Studenten an der Universität Tbilisi gegen den Versuch, Georgisch hinter dem Russischen zurückzusetzen. In den I980er Jahren wuchs die Zahl derer, die sich für nationale Rechte, den Schutz von Umwelt und Kulturdenkmälern einsetzten, kontinuierlich über die engen Dissidentenzirkel hinaus. Als Demonstranten am Morgen des 9. April 1989 von Spezialkräften des sowjetischen Innenministeriums auf Ersuchen der georgischen KP mit Gas und Spaten vertrieben wurden und I9 Menschen starben, war die kommunistische Herrschaft end­ gültig desavouiert.