(Aus: Boeder, Winfried: "Der «Berg der Sprachen» - die Sprachenvielfalt", in: Marie-Carin von Gumppenberg – Udo Steinbach (Hrsg.): Der Kaukasus. Geschichte – Kultur – Politik (= Becksche Reihe). München: Beck, 2008, pp. 192-201 [überarbeitet in: 2., neubearbeitete Auflage, 2010, pp. 198-209], S. 198)

Die Sprachen, die im Kaukasus gesprochen werden, sind nicht alle kaukasische Sprachen im engeren Sinne. Unter letzteren versteht man die Sprachen, die in der einheimischen Wissenschaft oft als ibero-kaukasische Sprachen (Iberer ist der antike Name der Georgier) bezeichnet und als miteinander verwandt betrachtet werden - eine Auffassung, die bisher als ebenso wenig bewiesen gelten kann wie die vielfach vorgeschlagene Verwandtschaft einzelner kaukasischer Sprachen mit dem Baskischen, Etruskischen, Sumerischen oder dem Hurritisch-Urartäischen.

Die kaukasischen Sprachen (im engeren Sinne) bilden eine historisch-geographische Einheit von mindestens drei verschiedenen Sprachfamilien (Nordwestkaukasisch, Ostkaukasisch und Südkaukasisch), die erstens in den Gebieten gesprochen werden, die nördlich und südlich des Kaukasus liegen, und von denen wir zweitens wissen, dass sie nicht einer anderen Sprachfamilie angehören oder in historisch fassbarer Zeit dorthin gelangt sind. So verstanden, gehört z.B. das nachweislich indoeuropäische Armenische nicht zu den kaukasischen Sprachen im engeren Sinne und ebenso wenig die Turksprache Aserbaidschanisch, das iranische Ossetisch nördlich und südlich des Großen Kaukasus oder das slawische Russisch. 

Die kaukasischen Sprachen im engeren Sinne haben, ungeachtet ihrer Heterogenität, einige gemeinsame lautliche und grammatische Eigenschaften, die sie miteinander verbinden und von den europäischen Sprachen wesentlich unterscheiden. Aber auch das Armenische und das Ossetische haben einige dieser Eigenschaften durch sehr langen Kontakt mit kaukasischen Sprachen übernommen.

Dass im Kaukasus viele Sprachen gesprochen werden, war schon im Altertum bekannt, und die Araber nannten den Kaukasus «Berg der Sprachen». Noch heute ist es nicht ungewöhnlich, dass jemand neben der in der Familie gesprochene Sprache, z.B. Swanisch, noch die Schriftsprache Georgisch vom ersten Schultag an lernt, dann Russisch und eine weitere Sprache wie Englisch oder Deutsch.