Der folgende Text ist 1934 als Nachruf in den Mitteilungsblättern des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins veröffentlicht worden. Er liefert neben biographischen Angaben, Informationen zu Freshfields umfangreichem Forscherleben.

Mitteilungen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins Bd. 60 (1934), S. 82-83.

FreshfieldDouglas William

Forschungsreisender, *27.4.1845 London, †9.2.1934 Forest Row, Sussex

Nachruf: Douglas William Freshfield 

Im bewegten Auf und Ab der Gegenwart ist die knappe Nachricht, daß Douglas Freshfield am 9. Februar, 88 Jahre alt, in London aus einem tatenreichen Leben schied, untergegangen. Mit Douglas Freshfield ist eine der letzten großen Gestalten aus den klassischen Jahren des Alpinismus dahingegangen. Die Hochgebirge der Welt, Kaukasus, Himalaja, Ruwenzori, Japan, und die noch unerforschten Gruppen unserer Ostalpen waren Tummelplatz und Stätte des Erfolges seiner Bergleidenschaft, die sein Leben beherrschte. 

Als Neunzehnjähriger tut sich ihm das Alpenwunder kund, eingeführt und vorbereitet von der Mutter, die selbst zwei frühe alpine Reisebücher schrieb. Sein erster Pionier-Vorstoß in die damals noch völlig unerschlossenen Ostalpen, von deren Hauptgipfeln die Geographen nicht wußten, ob sie überhaupt existieren, wo sie liegen und wie hoch sie sind, war ein voller Erfolg, der 1864 mit der ersten Ersteigung der Presanella gekrönt wurde. Im Jahr darauf steht Freshfield als Erster auf dem Gipfel des Mösele in den Zillertaler Alpen, führt die zweite Besteigung der Weißkugel und die erste der Langtaufererspitze in den Ötztalern durch, überquert zweimal das unbekannte Hochplateau der Palagruppe und erreicht in der südlichen Ortlergruppe als erster die Gipfel der Punta San Matteo und des Piz Tresero, nachdem er vorher den Ortlerpaß überschritten hat. Zu den späteren Ostalpenerfolgen gehört auch die erste Besteigung des Hauptgipfels der Pala, der Vezzana, und die erste Überschreitung des schwierigen Travignolopasses, bei der der einheimische Führer Reißaus genommen hatte.

In den Westalpen erstieg Freshfield, hier wie in den Ostalpen und im Ausland meist von F. Devouassoud geführt, in diesen Jahren eine Reihe der bekanntesten Hochgipfel und stand unter anderem als Erster auf Piz Vadret und Tinzenhorn. Zu seinen Lieblingszielen gehörten in diesen Jahren die Grajischen Alpen.

Freshfields Name ist bleibend vor allem mit der Erforschung des Kaukasus verbunden, über den er ein umfangreiches und grundlegendes Werk schrieb. Auf drei großen Expeditionen durchforschte er die kaukasische Hochgebirgswelt, erstieg 1868 die beiden Hauptgipfel, Elbrus und Kasbeck, 1887 Gulba, Tetnuld, Ukin und Schoda und 1889 auf der von ihm veranlaßten und geführten Suchexpedition nach den verschollenen Freunden Donkin und Fox unter anderem den Gipfel des Laila. 

In der Zwischenzeit schaut er sich im kabylischen Atlas um und steckt sich für 1899 ein großes Ziel, die Ersteigung des durch die jüngsten deutschen Expeditionen bekannt gewordenen dritthöchsten Berges der Welt, des Kangchendzönga, der ihm allerdings unersteiglich erscheint. Er umkreist in großer Reise das gewaltige Massiv, überschreitet den Jongsonpaß und bringt die erste genaue Karte des Gebietes mit, herrliche Bilder der Brüder Sella, und legt in seinem großen Werk „Round Kangchenjunga" das Wissen über diesen wichtigen Himalajaberg nieder.

Der fast Sechzigjährige zieht noch einmal aus, um den gewaltigen Gletscherstock des Ruwenzori im Herzen Afrikas zu belagern. Schlechte Wetterverhältnisse bringen ihn und Ad. Mumm jedoch um den Erfolg.

Seine Kenntnisse von den Gebirgen der Welt hat er durch alpine Reisen, besonders in Japan und in Südeuropa, vertieft und seine Eindrücke in zahlreichen Büchern und Schriften niedergelegt. 1923 schrieb er sein letztes bedeutendes Werk: „Below the Snow-Line." Sehr gründlich sind seine Forschungen über den Hannibalzug und seine biographischen Arbeiten, vor allem die große Saussure-Biographie, für die ihm Genf das Ehrendoktorat verlieh.

Freshfields Auftreten in der Öffentlichkeit ist eng verknüpft mit dem Wirken der beiden großen Vereinigungen, dem Alpine Club, für den er eine Zeitlang das „Alpine Journal" redigierte und dessen Präsident er kurz vor Kriegsausbruch war, sowie der Kgl. Geographischen Gesellschaft, der führenden der Welt. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang stand er an ausschlaggebender Stelle in ihrer Leitung, erst als Ehrensekretär, dann als Vize-Präsident und während der Kriegsjahre als Präsident. Im Everest-Komitee war er der wichtigste Mann. Im Krieg widmete er sich den Aufgaben des Roten Kreuzes und trug später durch geographische Arbeiten über die südösterreichischen Verlustgebiete Sachliches zu einer Verständigung zwischen den Nationen bei.